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AUSGEZEICHNETE WUNDERTÜTE
polenplus hat am 26. November 2008 den Viadrina-Preis für herausragende Verdienste um die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland erhalten. Der Preis wurde bisher Karl Dedecius, Adam Michnik, Günter Grass, Janusz Reiter, Markus Meckel, Włodzimierz Borodziej, Rudolf von Thadden, Adam Krzemiński und der Kopernikus-Gruppe verliehen. Weitere Preisträgerin 2008 war Rita Süssmuth. Wir sind stolz auf diese Auszeichnung und verstehen sie als großen Ansporn.
„... welch ein farbiges realitäts- und alltagsnahes Bild polenplus von unserem Nachbarland zeichnet. Henri Nannen gab einst für den „Stern“ die berühmte Losung aus, er müsse stets einer Wundertüte gleichen. polenplus wird dieser Anforderung ohne weiteres gerecht.“
(aus der Laudatio von Jürgen Vietig)
P r i n z e s s i n n e n
Lasst die K l e i n e n M ä d c h e n in Ruhe. Fragt sie nicht ständig, warum sie nicht artig sind. Meckert nicht, wenn unsere Töchter nicht Lehrerin, sondern Sängerin einer Hinterhofband werden wollen. Und redet ihnen, verdammt noch mal, nicht ein, dass sie abnehmen müssen.
Marysia Kozak war elf Jahre alt und ahnte, dass die Welt fürchterlich war. Sie zog alles an, was ihr die Erwachsenen kauften. Sie protestierte nicht und maulte nicht wegen mehr oder weniger Rosa. Sie hatte andere Probleme. Die Probleme eines Kleinen Mädchens.
Wenn ihre Eltern eine hübsche Tochter haben wollten, gaben sie ihr ein Kleid anzuziehen; wenn sie Brot holen sollte, eine Hose. Marysia bückte sich zum Bordstein runter und leckte ihren Finger an. Dann fuhr sie damit durch den Sand und Straßendreck und rieb ihn kräftig an der Innenseite ihrer Kleidung. Von außen wirkte alles sauber, aber darunter war der pure Alptraum. Die breiten Schmutzspuren hinterließen auf dem Stoff Flecken, die nicht mehr rauszuwaschen waren. Kein, aber auch wirklich kein Waschmittel aus der Werbung konnte da helfen.
Oder sonntags, wenn sie für die ganze Familie das Frühstück bereitete: Sie bemühte sich, den Käse gleichmäßig zu schneiden und die Butter perfekt zu verstreichen. Doch kurz bevor sie das Essen servierte, ergriff etwas von ihr Besitz, und plötzlich spuckte sie einen ekelhaften Rotzpfropfen unter das appetitliche Salatblatt. Auch auf ihr eigenes, ihr Lieblingsbrot, das mit Ei. Wenn sie es aß und den Glitsch zwischen den Zähnen spürte, wollte sie laut lachen. Weil keiner es gesehen hatte, weil alles ganz normal wirkte. Nein, so ein schönes Frühstück hat unsere Marysia gemacht. Was für ein liebes Töchterchen, das war sie schon immer.
Unsere Prinzessin!
Sie wohnte zusammen mit ihrer Mama, ihrem Papa und der Oma, der Mutter ihrer Mutter. Die Seniorin war hochbetagt und hauste auf einer Liege in der Küche. Und damit die Familie sie nicht immer ansehen musste, hatte Papa eine bewegliche Wand auf Schienen eingebaut. Mama hatte aus einer Decke einen Vorhang genäht, und jetzt sah das Ganze aus wie eine Theaterbühne. Oma saß zumeist auf ihren Kissen, und wenn sie allzu ungezogen war, dann zog man einfach — ritsch, ratsch — den Vorhang zu, und es war gut. Oma Krysia schimpfte, fluchte, schlug kraftlos um sich und drohte mit der Miliz.
Wenn es keiner sah, ging Marysia zu ihr, redete mit ihr oder nahm ihr das Gebiss weg und legte es auf den Schrank. Die Alte konnte nichts anderes tun als zu schreien und zu schmatzen. Sie saß besabbert da wie eine wütende Kröte und drohte mit der Miliz. Dann schlich sich die Enkelin an den Vorhang heran und tat so, als wäre sie aus Versehen auf die Dritten getreten. Und wieder das Geschrei nach der Miliz.
Früher war die Oma Beamtin im Stadtbezirk Ochota gewesen, von ihr hatte viel abgehangen. Sie hatte nämlich die Wohnungen zugeteilt. O Gott, was da vor ihrem Büro los war! Zu zweit saß sie mit ihrer Kollegin Jadwiga und schaute die dicken Akten durch. Vor ihren Schreibtischen wanden sich die Familien, flehten, knieten nieder, brachten ihnen Geschenke wie die drei Könige an die Krippe.
»Gute Frau, Teuerste, schon zehn Jahre lang warte ich. Das zweite Kind ist unterwegs. Wo soll ich sie denn alle unterbringen in dieser Mietswohnung? Ja, die Schwangere hat einen Ehemann, der kampiert auf der Couch. Und ich habe mir wie der Penner vor unserer Kirche unter dem Tisch mein Nest gebaut. Und wenn Andżelika ihre Hausaufgaben machen will, muss ich in die Küche, weil sonst für ihre Beine kein Platz ist. Ich bitte Sie, allerbeste Frau Krysia, vielleicht können Sie den Vorgang zumindest ein wenig beschleunigen? Beinahe hätte ich da was vergessen«, an dieser Stelle dämpfte der Antragsteller die Stimme, miaute geradezu und säuselte: »Ich habe hier was für Sie, nichts Besonderes, frisch von meiner Schwiegermutter vom Lande, ein Hühnchen, und hier für die Familie Süßigkeiten. Ach, und für den Herrn Gemahl findet sich auch noch was, ein Fläschchen. Nehmen Sie das, meine Liebe.«
Für den Herrn Gemahl?! Frau Krysia hielt inne und ließ die Akten sinken. Sie sah den blassen Mann wütend an. Erinnern Sie mich bloß nicht an meinen Mann! Dieser Schuft, dieser Säufer. Nach dem Krieg hat er erst einen auf taub gemacht, angeblich von den Schüssen im Schützengraben, und dann ist er los und hat sich irgendein Weib geangelt. Wehe, jemand erwähnt hier meinen Mann, erinnert mich an ihn oder spricht den Namen Heniek aus.
Vermasselt — aus der Wohnung wird nichts. Richtig wütend hat er sie gemacht, die Beamtin, an ihr Trauma hat er sie erinnert, alte Wunden aufgerissen.
Die Geschenke aber landen in der Tiefe der Schreibtischschublade. Die wird man noch brauchen können, und die Flasche wird auch ohne den Herrn Gemahl leer. In der Schublade lagen bereits zwei Gläser Schokoladenersatzmasse, Kekse und Marlboro. Dabei hatte der Tag erst begonnen. Über der Schublade hing ein inventarisiertes Gemälde in einem hölzernen Rahmen. Staubbedeckt. Ein Wäldchen, in dem Wäldchen eine Wiese, in der Ferne ein Bächlein. Ach, wenn man jetzt dort sein, sich ins Gras legen und die Urlaubsluft einsaugen könnte. Aber nein, du siehst ja, stattdessen gammelt man hier rum, und muss sich Beschwerden und Geschichten über Schicksalsschläge anhören. Was geht mich das an, frage ich mich. Die Leute erniedrigen sich wegen einer beliebigen Einzimmerwohnung, machen sich in der Öffentlichkeit lächerlich, das ist nicht mitanzusehen. Was jammern diese Dutzendmenschen hier rum, bin ich etwa die Heilige Jungfrau, vergieße eine blutige Träne und überreiche die Wohnungsschlüssel? Und was ist mit der Liste, der Reserve, der Schlange, der Reihenfolge? Für diese Schufte zählt das natürlich nicht, die verstehen gar nichts, und »heilig« ist für die ein Fremdwort.
Als Gott die B e a m t i n schuf, war es, als hätte er der Woche einen achten Tag hinzugefügt. Das ist eine eigene Kategorie, eine andere Rasse, eine fremde Kultur. Amerikanische Anthropologen führen seit Jahren Untersuchungen an den Stämmen Halina und Bożena durch, an Frauen, die über körperfarbene Strumpfhosen Latschen mit orthopädischen Einlagen ziehen. Die im Morgengrauen aufstehen, um sich voller Pietismus einen Helm aus Haar und Lack aufzusetzen, die Krallen zu lackieren, Ringe anzulegen. Ja, das ist der Bürostil: rote, in Kaffee getunkte Lippen, die das Bonbon von der Untertasse lutschen. Die Welt der Ordner, Rechnungen, Kürzel. Morgens drängen sie sich in den Straßenbahnen auf den Sitzen, in ihren Beuteln liegen ein Kamm, belegte Brote in Silberpapier und Joghurt light. Frauen aus Fleisch und Blut, wahre Herrscherinnen der Verwaltung. Ohne sie würde selbst der Geschäftsführer — verwirrt und verschreckt, wie er ist — niemals wissen, wie man Geld aus der Kasse entwendet, wie man Steuern hinterzieht und den miesen Staat um die hart erarbeiteten Złoty betrügt. Nur sie, nur die rassigen Königinnen der Sperrholzplattenschreibtische kennen die geheimsten Geheimnisse der Angestellten und der Selbständigen. Sie hocken auf den Unterlagen, lochen, heften und unterzeichnen, sollen die Wartenden doch toben. Immer mit der Ruhe, ich gehe erst mal eine rauchen, eine paffen, an die frische Luft, hi hi. Wie heißt es so schön: Wahre Liebe wartet. Und vom In-der-Schlange-Stehen hat sich auch noch niemand — mit Verlaub — in die Hose geschissen, wie ich immer so schön sage, genau.
Jadwiga, du wirst es nicht glauben, da sagt der mir doch, die Rechnung stimme nicht. Ich erkläre es ihm, ich habe es schließlich zweimal geprüft. Zweimal, da kann kein Fehler mehr drin sein. Ich beherrsche mein Fach seit Jahren, bin doch keine flatterhafte Hochschulabsolventin, oder? Also gut. Ich erkläre ihm das, zeige ihm die Spalten im Rechenheft. Und dann greift der sich endlich an den Kopf und schreit: »Jesus Maria, liebe Frau Krysia, was bin ich nur für ein Tölpel. Da habe ich doch glatt vergessen, den Betrag hier dazuzurechnen.« Ich sags dir, da ist man ratlos, sprachlos, kopflos. Mit solchen Dumpfbacken arbeite ich, und das für so wenig Geld! Wer entschädigt mich für meine ruinierte Gesundheit, meine kaputten Nerven, meine Krampfadern? Wer, frage ich, der heilige Valentin etwa? Den Buckel können die mir mal … Ist ja gut, ich gehe ja schon an meinen Schreibtisch, was regen sich diese Bittsteller bloß so auf? Meine Güte.
Meine Liebe, hier noch ein Kürzel, wenn Sie so gut wären, und hier auch, da, wo das Kreuz ist. Und ein Namensstempelchen, unbedingt. Haben Sie nicht? Na, dann wenigstens einen von der Behörde, damit die Gewerbenummer drauf ist, die Steuernummer, die Müllschluckernummer. Gut. Jetzt noch zwanzig Kopien von der Geburts- und Sterbeurkunde, und hier überall unterschreiben, bitte, genau so, Schätzchen, sehr gut, dann tippe ich das schon mal in den Taschenrechner.
Man steht, unterschreibt, stempelt. Aber hallo! Niemand widerspricht, allerhöchstens blitzt auf der Stirn mal ein Schweißtropfen auf. Wollen Sie vielleicht ablegen? Wir haben schließlich eine Garderobe, Sie müssen hier nicht Wintermantel und Schal tragen. Keine Eile, wir machen hier nicht husch, husch! Nein, hier muss man wirklich Zeit mitbringen.
Seitdem in Polen unter jedem Strohdach ein Computer steht, kommen noch die Systemausfälle hinzu. Oma Krysia notierte sich die Rubriken in ein Heft, und die Bożenkas und Halinkas tippen nach dem Ein-Finger-System, Buchstabe für Buchstabe, bis der Bildschirm error anzeigt.
Herr Greeegor, kommen Sie mal bitte, das Mistding ist schon wieder kaputt. Was ich gedrückt habe? Alles so wie immer, keine Ahnung, was passiert ist. Eben hat es noch funktioniert, eben hatte ich noch eine Kundin, ich gebe die Daten ein, und auf einmal leuchtet da in der Ecke was auf, und alles ist weg. Die Daten auch.
Die Schlange vor dem Schreibtisch stöhnt auf, verdreht die Augen, meckert. Der eine verspätet sich zum meeting, der andere verpasst den Zug. Die Hölle! Und stickig ist es wie in der Sauna. In verschwitzten Händen halten sie die Mappen mit den raffinierten Abrechnungen, Auszügen, Aufzügen und R e c h n u n g e n in Klarsichtfolien. Jedes Dokument trägt liebevoll den Namen eines Heiligen. Für viele ist das wie die engste Familie, ein Schatz. Und, schau mal, die Rechnung Nummer vier Strich fünfundsechzig Strich null acht. Auf der Rückseite beschrieben und doppelt abgestempelt. Na, das nennt man gehegt und gepflegt, wie die eigene Ehefrau. Wie das ersehnte Geschenk unter dem Weihnachtsbaum.
Mit zitternder Hand überreicht man der Beamtin aufgeregt einen Stapel Unterlagen. Sicher stimmt was nicht, sicher fehlt etwas.
Wie jetzt, wo ist die Rechnung vom vergangenen Monat? Fehlt die etwa? Das kann nicht wahr sein, ich habe Sie doch extra darum gebeten. Das kann ich nicht durchgehen lassen. Das ist gegen das Gesetz, das ist gegen all unsere Bürgerrechte. Ich kann meinen Pflichten nicht nachkommen, wenn mir nicht die kompletten Unterlagen vorgelegt werden. Ich werde verrückt, werde wahnsinnig! Ich kopiere das alles, oder es fliegt in den Müll, und dann gibt es keine Abrechnung. Das mache ich nicht!
Aber gute Frau, Jesus und Maria, ich bitte Sie inständigst um Hilfe, ich muss das heute alles fertig haben, meine Liebe, ich reiche die Rechnung nach, schicke Sie Ihnen, bringe sie Ihnen auf Knien her. Ich brauche hier das Stempelchen, dass die Unterlagen angenommen sind. Die ganzen Kassenberichte, Zustandsberichte. Erbarmen Sie sich, ich habe so lange angestanden, ich schaffe es nicht, noch einmal herzukommen. Ich flehe Sie an!
Und die Beamtin wächst mit jedem Wort, macht ein drohendes Gesicht, wühlt mit der Zunge in der Plombe. »Na, ich weiß nicht, wirklich, ich kann nicht.« Und du sagst schon heiser: »Das ist das letzte Mal, wirklich, so eine Unordnung von mir!« Du klammerst dich an die Schreibtischkante, zerfließt, versinkst! Du versprichst einen Pilgergang auf Knien nach Heiligelinde, hin und zurück, abendliche Selbstkasteiung, Comedy-Shows anzusehen. Alles! Nur diese Unterschrift, ich flehe Sie an!
Da ist sie, es hat geklappt. Die Hand der Gebieterin hat sich auf die Unterlagen gesenkt und ihr göttliches Zeichen gesetzt. Angenommen. Amen. Freude, Unglaube, Rausch. Ein Wunder! Die Massen toben, die Sonne scheint. Du möchtest aus dem Amt hinausrennen, mit wehendem Mantel, mit offener Aktentasche, und dich um einen Laternenmast schwingen wie in Singin’ in the Rain.
Während sich die Tür schließt, weicht das Lächeln, und du murmelst: »Alte Schachtel, Tuschkasten, Prostituierte, Nutte, Fotze. Dass dir die Pfannkuchen im Halse stecken bleiben, verfickte Vogelscheuche. Steck dir deine Papiere in den Arsch, deine Stempel, beschissenen Kugelschreiber. Wisch dir den Hintern ab mit den Fetzen, mit den Rechnungen!«
Und abends betest du und bittest um Erlösung von dem bösen Amt.
Marysia betete auch und ging in die Kirche. Sie wusste zwar nicht — das reizende Kind —, was B ü r o s c h n e p f e n sind, aber sie lief jeden Sonntag mit den Eltern und der Oma in die Kirche. Die Oma konnte kaum laufen, sie musste am Arm bis zur Bank gezogen werden. Danach musste man nur noch aufpassen, dass sie nicht während der Messe einschlief und im richtigen Moment miteinstimmte: Gott, der du Polen …
D i e G e b e t e p o l n i s c h e r F r a u e n h a b e n s c h o n s o m a n c h e s b e - z w u n g e n. Auch Marysia versuchte, ein Gebet vor sich hinzuflüstern. Die ersten zehn Minuten ging es irgendwie, aber dann fuhr der Satan in sie. Langsam holte sie einen Nagel aus der Jackentasche und begann, mit ganzer Kraft das Betpult zu zerkratzen. Aber von unten, damit es nicht zu sehen war. Je länger sie kratzte, desto stärker veränderte sich ihr Gesicht. Der sanfte Teenager wurde zu einer Horrorpuppe. Wenn sie da mit dem Nagel reingeritzt hätte »ich hasse alle« oder zumindest »Arschloch«, hätte das jeder verstanden: Sie ist in der Pubertät, die Hormone, eine Depression. Aber so ohne Grund zu demolieren?
Jede Woche tunkte Marysia ihre Hände in das Taufbecken, um danach das Wasser unter ihrer Bluse zu verteilen, sie verstopfte den Schlitz am Kasten für die Spenden der Gläubigen mit Kaugummi, stahl Heiligenbildchen und zerschnitt sie zu Hause in kleine Stücke. Doch zugleich liebte sie die Muttergottes über alles. O Gott, wie das Kind die Heilige Jungfrau verehrte! Alles, was sie tat, jede gute Note in der Schule war für die heilige Maria. Wenn sie schlafen ging, legte sie unter das Kopfkissen ein Heft mit Gebeten an die Muttergottes. Zum Schulball ging sie als heilige Maria, sie träumte von ihr, zeichnete ihr Gesicht auf die Heftränder. Und, ja, manchmal traf sie Maria, wenn keiner zu Hause war und vor dem Fenster der Mond hell schien.
Warum übermalte sie dann jedes Abbild der Heiligen, das sie in die Hand bekam, mit einem Marker, der nach Lösungsmittel stank? Warum befahl sie — es ist wirklich peinlich, das zu beschreiben — der aus Der Sonntägliche Gast ausgeschnittenen Jungfrau, die Teddybären auf dem Regal zu küssen? Hätte sie doch laut gerufen »himmlische Hure«, hätte sie doch am Feiertagstisch geflucht. Klar, eindeutig, offiziell.
Ein Kreuz war es auch im Lebensmittelgeschäft. Wenn es niemand sah, löste das Mädchen die Preisschilder ab und vertauschte sie. Brot kostete dank ihr 20 Złoty, Ketchup 2,50. Was da an der Kasse los war! Ich bitte Sie, diese Inflation bringt uns noch um, bringt die Gesellschaft um, das ist wohl ein Scherz. Hier im Laden herrscht Unordnung, bitte führen Sie einen ehrlichen Menschen nicht an der Nase herum. Ich breche gleich zusammen, wissen Sie, wie viel Rente ich habe? Das ist lächerlich, das ist keine Rente, sondern einfach lächerlich. Da weiß man als Rentner nicht, ob man sich in den Sarg legen und warten oder gleich in den Kopf schießen soll. Für nichts reicht es, alles ist abgezählt. Und da machen Sie hier so einen Zirkus mit den Preisen. Eine Schande, ein Skandal!
Nun ja, Marysia spielte genau solche Streiche — der Welt und sich selbst.
Wenn sie in Warschau eine Straße entlanglief, ohne auf die Zwischenräume der Platten zu treten, war sie wie eine kleine Katze, die auf dem Dach herumspringt. Ein wenig unsicher, aber recht schnell. Ein Schritt nach dem anderen, nie gleiche Socken. Ihre dünnen Ellbogen schubsten alte Weiber vom Bordstein, die dort Handel trieben. Sie selbst stieß ständig gegen abgehetzte Leute. Mädchen, pass doch auf, mach die Augen auf. Wir sind hier nicht auf dem Dorf, das hier ist die Hauptstadt. Hier geht man nicht, hier rennt man. Keine Zeit, wir haben es eilig. Alle fahren bei Gelb los, rennen zum Bus, der gleich abfährt, dann am Zentralbahnhof in die 25 Richtung Zieleniecka-Straße, über den Zebrastreifen neben »Wedel« und in der Rembielińska-Straße schnell in den 114er nach Podgrodzie. Alles ohne eine falsche Bewegung, ohne nachzudenken. Wie in einem verrückten Stadtballett. Und wenn dann so ein missratenes Mädel auf die Tanzfläche stolpert, bringt es das ganze System ins Wanken.
Da steigt plötzlich Frau Jadwiga nicht in den Bus Nummer 167 nach Bemowo, sondern fährt in die Czerniakowska-Straße, Herr Edek fährt zur Wendeschleife, weil er vergessen hat, dass die 35 nicht geradeaus fährt. Dabei hat er noch gefragt: »Geradeaus, geradeaus nach Okęcie?« — »Nein, mein Herr, steigen Sie hier aus und warten Sie auf die nächste Straßenbahn.« Na, prima, diese hier biegt gerade falsch ab in die Banach-Straße, schon ist sein verwirrtes Gesicht zu sehen, und Schadenfreude zeichnet sich auf den Gesichtern der Menschen ab, die an der Haltestelle stehen. He, he. Falsch gefahren. Und alles wegen des Kleinen Mädchens.
Marysia schaute sich nie um, weil sie sich fürchtete, jemandem in die Augen zu sehen. Wenn das passiert, stirbt die Person. Das ist sicher.
Marysia hatte eine unangenehme Eigenschaft: Wer ihr länger in die Augen sah, landete kurz darauf im Jenseits. Na ja, nicht jeder. Die Familie zum Beispiel konnte sie ansehen, und nichts geschah. Es genügte aber, dass Marysia in demselben Moment etwas Schlechtes über die Person dachte, und schon kam es zur Katastrophe. So ähnlich wie der Basilisk in den Kellern der Altstadt. Der mordete grundlos, Marysia nur, wenn sie böse war.
Ihr dämlicher Onkel Stefan küsste sie bei der Begrüßung zu lange, nahm sie allzu oft auf den Schoß und drückte sie zu fest. Marysia verschwand immer in ihrem Zimmer, wenn der Onkel zu Hause auftauchte. Aber dann rief die Mama gleich: »Töchterchen, schau mal, wer gekommen ist, sag Guten Tag.« Wieso nicht gleich: Zieh dich aus! Marysia kam langsam aus ihrem Zimmer und brachte Onkel Stefan in Gedanken mit dem Hackmesser für das Suppenfleisch um. Sie zerhäckselte ihn mit dem Rasenmäher, halbierte und vierteilte ihn mit der Heckenschere. Sie murmelte Verwünschungen vor sich hin, schaute ihn ein paarmal mit der ganzen Wucht ihrer Gedanken an, bis der Onkel erbleichte. So ging das eine Weile, bis nach einem solchen Besuch, als sich Marysia die schlimmsten Foltermethoden vorgestellt hatte, der Onkel starb. Er kam nach Hause, schaltete die Nachrichten ein und starb im Sessel. Auf der Beerdigung winkte Marysia seinem Sarg zu und kaufte sich zur Belohnung Bonbons der Sorte Heilige Haut. Gute Arbeit, Marysia, weiter so.
(Auszug aus "Weibskram" von Sylwia Chutnik, aus dem Polnischen von Antje Ritter-Jasińska; Vliegen Verlag 2012; ISBN: 978-3-9813392-2-2)